Ich krabble ins Bett meines kleinen Sohnes. Leise, liebevoll und langsam möchte ich ihn wecken. Die Zeit habe ich eigentlich großzügig eingeplant. Wir wollen noch entspannt frühstücken und uns ohne Hektik fertig machen.
“Guten Morgen, Aufwachzeit” flüstere ich ihm sanft ins Ohr.
“ICH WILL NICHT IN DEN KINDERGARTEN” schreit es mir daraufhin entgegen
Sofort steigt mein Puls, ich spüre Anspannung, und die Gedanken rasen…. Das macht er doch mit Absicht. Wie schaffe ich es ihn zum Aufstehen zu motivieren, ohne Druck? Ich muss heute wirklich pünktlich los, ich habe dieses wichtige Projektmeeting.
Ich versuche, äußerlich ruhig zu bleiben und ihn verständnisvoll zu begleiten – doch für mich selbst habe ich kein Verständnis. Ich ignoriere meine Wut, meine Anspannung, drücke alles weg. Ich funktioniere. So lange, bis es beim Schuhe anziehen aus mir herausplatzt:
“Jetzt reis dich mal zusammen, wir müssen los!”
Später, im Büro zwischen Deadlines und Verantwortung, sitzt es dann wieder auf meiner Schulter: das schlechte Gewissen. Es flüstert: „Du bist eine schlechte Mama. Warum gehst du überhaupt arbeiten, wenn du morgens so die Beherrschung verlierst?“
Erschöpft frage ich mich schon um 9 Uhr morgens: „Wie so muss jeder morgen so anstrengend sein? Was mache ich nur Falsch?“
Falls du dich gerade in genau diesem Druck wiedererkennst: Nimm dir genau jetzt kurz Zeit und atme einmal bewusst tief mit mir ein…. und ganz laaaaangsam wieder aus”
Wie du siehst bist du nicht allein mit dieser Anspannung. Du fragst dich vielleicht “Warum bin ich schon morgens so genervt und innerlich angespannt?”.
Und ich habe eine wichtige Nachricht für dich: Was da am Morgen passiert, hat nichts damit zu tun, dass du eine „schlechte Mutter“ bist. Woran es dann liegt, erkläre ich dir im nächsten Abschnitt.
Nervensystem regulieren: Warum berufstätige Mütter morgens so schnell am Limit sind
Was da am Morgen passiert hat nichts damit zu tun, dass du eine schlechte Mama bist. Es liegt daran, dass dein Nervensystem die ganze Zeit on fire ist. Ständig, permanent, einfach ON.
Ich kann dich beruhigen, jeder von uns hat ein Nervensystem, und das ist auch gut so. Es ist eine sehr nützliche Erfindung und sorgt dafür, dass du vor wirklich gefährlichen Situationen flüchtest (der berühmte Säbelzahntiger) oder dich mutig in den Kampf stürzt (Winterschlussverkauf – kleiner Scherz). Dein Nervensystem besteht aus den zwei Gegenspielern Sympathikus und Parasympathikus.
Wenn dein Kind dich anschreit oder sich verweigert, dann kann es sein, dass dein Gehirn das als Gefahr interpretiert. Und dein Sympathikus schaltet sofort auf „Kampf oder Flucht“. Dein Puls beschleunigt sich, deine Muskeln spannen sich an – du bist im Überlebensmodus. In diesem Zustand ist dein rationales Denken (der präfrontale Cortex) quasi offline. Du hast in diesem Moment schlichtweg keinen Zugriff auf deine Kreativität oder Geduld, selbst wenn du es dir noch so fest vorgenommen hast. Dass dir dann ein „Das machst du mit Absicht!“ herausrutscht, ist biologisch gesehen nur logisch. Und kurz darauf tut es dir unheimlich leid und du fragst dich wie dir das nur passieren konnte, du wolltest so was ja nie sagen.
Toleranzfenster und Stress: Warum dein Akku als Mama nie richtig auflädt
Nun ist es völlig normal, dass unser Sympathikus aktiviert wird. Ein Zustand, in dem das nie passiert, ist auch gar nicht erstrebenswert. Was jedoch fehlt (vor allem dir als berufstätige Mama), sind die Pausen danach, um das System wieder herunterzufahren und Sicherheit zu gewinnen. Wenn du über einen längeren Zeitraum anhaltendem Stress ausgesetzt bist und dein Nervensystem dauerhaft aktiviert ist, reduziert sich dein sogenanntes Toleranzfenster. Das ist der Bereich, in dem du Reize und Anforderungen noch gut verarbeiten kannst. Ist dieses Fenster erst einmal geschrumpft, braucht es immer weniger und immer kleinere Auslöser, um dich komplett aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Stell dir deine Stresstoleranz, also dein entspanntes Nervensystem, wie deinen Handyakku vor:
- Ist dein Akku zu 100 % geladen, trägt er dich locker durch den Tag, selbst wenn du mal drei Stunden am Stück deine Lieblingsserie schaust und danach nur noch bei 30 % bist. Du lädst ihn einfach wieder auf und hast am Abend genug Energie, um für deine Freunde erreichbar zu sein.
- Wenn du allerdings permanent nur mit 10 % Akku durch die Gegend läufst, kann schon der kürzeste Anruf dein Handy komplett ausschalten.
Sich immer wieder Pausen zu nehmen, um diesen Akku aufzuladen, ist kein Luxus, den man sich mal „gönnen“ darf. Sondern es ist eine essenzielle Notwendigkeit und ein Grundbedürfnis, damit du mit den Anforderungen des Alltags gut umgehen kannst.
Dein Stress-Check: Wann hast du zuletzt wirklich Pause gemacht?
Bevor du jetzt einfach weiterliest und direkt wieder in den Funktionsmodus schaltest, nimm dir am besten genau jetzt 5 Minuten Zeit für dich. Diese Fragen helfen dir zu prüfen, wo du aktuell stehst und wie du mehr Raum für dich in deinen Alltag integrieren kannst.
- Wann habe ich das letzte Mal eine echte Pause gemacht (und nein, am Handy daddeln zählt nicht!)?
- Wie wurde in meiner Herkunftsfamilie mit dem Thema „Pause machen“ umgegangen?
- Was gibt mir wirklich Energie? Bei welchen Aktivitäten lädt mein Akku auf?
- Wie kann ich mehr von diesen Momenten in meinen Alltag integrieren?
- Welchen ersten kleinen Schritt kann ich morgen ganz konkret unternehmen, um mir diesen Freiraum zu schaffen?
Nervensystem beruhigen: 3 Schritte für einen ruhigeren Morgen
Ein echter Musterwandel beginnt nicht mit den ganz großen Erkenntnissen, sondern in den winzigen Momenten deines Alltags. Wenn dein Kind das nächste Mal schreit, bummelt oder einfach nicht das macht, was du gerade brauchst, halte kurz inne und versuche diese drei Schritte:
Wo im Körper spürst du die Anspannung? Im Kiefer, in den Schultern oder im Bauch?
Nimm die Situation wahr, ohne dich selbst zu verurteilen. Zum Beispiel: „Ich bin gerade gestresst, und das ist okay."
Atme bewusst, ein und doppelt so lange aus. Erlaube deinen Schultern, nur einen Millimeter tiefer zu sinken.
Es wird nicht immer perfekt klappen und das ist absolut in Ordnung. Doch mit der Zeit wirst du deinen Körper und seine Reaktionen immer besser wahrnehmen – und das ist der erste Schritt zurück in deine eigene Handlungsfähigkeit. Vergiss dabei nie: Nur dein eigenes, reguliertes Nervensystem hat die Kraft, auch das Nervensystem deines Kindes wieder zu beruhigen.
Quellen
- Toller Blog-Artikel zum Thema Grenzen setzen I Der Kompass
- Kathleen Kunze I Sich(er) fühlen: Dein Körper ist der Schlüssel I 2024
- Gerhard Roth, Alica Ryba I Coaching und Beratung in der Praxis Ein neurowissenschaftlich fundiertes Integrationsmodell I 2019


